An Protesten nehmen viele Menschen teil. Das versteht sich normalerweise von selbst. All diese Menschen sind unterschiedlich, und obwohl sie bis zu einem gewissen Grad durch ein gemeinsames Ziel vereint sind, können ihre Vorstellungen davon, wie dieses Ziel erreicht werden soll, unter denselben Umständen sehr verschieden aussehen. Kameraleute, die eine Demonstration filmen, stehen deshalb ebenfalls vor einer Entscheidung: Was soll überhaupt ins Bild? Diese Entscheidung fällt noch bevor sie mit Clideo oder irgendeiner anderen Software ein video bearbeiten.
Richtet man die Kamera auf Familien mit Plakaten, sieht man eine friedliche Demonstration. Dreht man sie um 90 Grad zu einer Handvoll Menschen, die sich mit der Polizei anlegen, sieht man Ausschreitungen. Geht man näher heran, können zehn Personen das gesamte Bild füllen. Filmt man von einem oberen Stockwerk aus, wird plötzlich die leere Hälfte des Platzes sichtbar.
Und erinnern wir uns daran: Keine dieser Aufnahmen muss gefälscht sein.
Große Proteste bestehen aus friedlichen Märschen, Reden, Festnahmen, Zusammenhalt, Menschen, die einander helfen, Vandalismus und Konfrontationen. Aus all dem. Würde irgendein Medium tatsächlich all das zeigen? Wahrscheinlich nicht, denn diejenigen, die die Berichterstattung finanzieren, haben häufig ein Interesse daran, eine bestimmte Sichtweise zu vermitteln. Und selbst Menschen, die nicht im Auftrag filmen – etwa Passanten – können Aufnahmen produzieren, die den Zuschauern nicht das GESAMTE Bild zeigen, sondern lediglich einen kleinen Ausschnitt davon, abhängig davon, was die jeweilige Person gesehen hat oder zeigen wollte. Häufig wird genau dieser gefilmte Ausschnitt – bewusst oder unbewusst – so präsentiert, als würde er das gesamte Ereignis repräsentieren. Dafür gibt es genügend bekannte Beispiele.
Los Angeles: Eine Stadt, zwei visuelle Geschichten
Die Anti-ICE-Proteste in Los Angeles im Juni 2025 sind ein besonders anschauliches Beispiel. Die Demonstrationen begannen nach Razzien der Einwanderungsbehörden und umfassten sowohl große friedliche Versammlungen als auch Zusammenstöße, Sachbeschädigungen, brennende Fahrzeuge und Konfrontationen mit der Polizei. Es gab also reichlich echtes Bildmaterial, mit dem sich völlig unterschiedliche Versionen davon erzählen ließen, wie Los Angeles in diesen Tagen aussah.
Eine 2026 in Journalism and Media veröffentlichte Studie verglich die Berichterstattung von CNN und Fox News über diese Proteste und stellte fest, dass die Unterschiede weit über die Wortwahl hinausgingen. Fox setzte visuell stärker auf Polizei und Militär, Zerstörung, Feuer, Plünderungen sowie Demonstranten, deren Gesichter verdeckt oder nicht erkennbar waren. CNN rückte deutlich häufiger Plakate und Slogans in den Vordergrund, zeigte nähere Aufnahmen von Demonstranten und ließ erkennbare menschliche Gesichter sehen.
Reden wir aber mal über Zahlen, ja? Im untersuchten Fox-Material kamen Bilder mit Zerstörung, Feuer, Rauch oder Plünderungen ungefähr doppelt so häufig vor wie bei CNN: 36,7 Prozent gegenüber 17,9 Prozent. Protestschilder, Slogans und Demonstrationszüge tauchten in 55,4 Prozent des kodierten CNN-Bildmaterials auf, bei Fox dagegen in 28,6 Prozent. Humanisierende visuelle Elemente fanden sich in 32,1 Prozent der CNN-Bilder, bei Fox waren es 12,9 Prozent.
Niemand hat dabei etwas erfunden, das muss klar gesagt werden. Autos brannten tatsächlich. Menschen demonstrierten tatsächlich friedlich. Die Polizei geriet tatsächlich mit Demonstranten aneinander. Welcher dieser Aspekte verdient Sendezeit? Nun, genau da kommen Perspektive und Agenda ins Spiel, nicht wahr?
Ohne irgendjemanden herabsetzen zu wollen: Wir Menschen funktionieren ziemlich intuitiv und sind in mäßigem bis hohem Maße beeinflussbar. Unser Echsenhirn reagiert auf Wiederholung. Wer immer wieder Flammen, maskierte Menschen und bewaffnete Einsatzkräfte sieht, kann vernünftigerweise zu dem Schluss kommen, dass Chaos das bestimmende Merkmal dieses Ereignisses war. Nach demselben Mechanismus kann jemand, der wiederholt Plakate, Gesichter und friedliche Demonstrationszüge sieht, zu dem Schluss kommen, dass es sich im Wesentlichen um eine Bürgerrechtsdemonstration handelte, die lediglich von vereinzelter Gewalt überschattet wurde.
Auf beiden Seiten authentische Bilder, aber gleichzeitig ein durchaus manipulativer Ansatz – oder nicht? Und was bleibt am Ende? Zwei gegnerische Lager haben zwei völlig unterschiedliche Bilder im Kopf, obwohl das zugrunde liegende Ereignis dasselbe war.
Und vergessen wir nicht die Magie sozialer Medien, deren Algorithmen wunderbar darin sind, die Blase unserer Wahl zu verstärken. Inhalte der Gegenseite werden uns nur selten serviert – wodurch diese Gegenseite mit der Zeit immer stärker tatsächlich zur „Gegenseite“ wird.
Hamburg: Was passiert, wenn eine ganze Demonstration verschwindet?
Lieber ein Beispiel etwas näher vor der eigenen Haustür? Dann reden wir über Deutschland.
Forscher des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung untersuchten die Medienberichterstattung rund um die G20-Proteste in Hamburg 2017. Ihr Datensatz umfasste 2.463 Artikel über den G20-Gipfel aus sieben Zeitungen, von denen 1.163 Proteste erwähnten. Anschließend analysierten sie, über welche von insgesamt 20 einzelnen Protestveranstaltungen die jeweiligen Medien tatsächlich berichteten.
Gewaltsame Ereignisse bekamen erwartungsgemäß enorm viel Aufmerksamkeit. Die Demonstration „Welcome to Hell“, die Ausschreitungen im Schanzenviertel und die Protestcamps dominierten die Berichterstattung. Das Ausmaß dieser Aufmerksamkeit unterschied sich jedoch deutlich von Medium zu Medium.
Bei Bild, Welt und Süddeutscher Zeitung bezog sich etwa ein Viertel aller Erwähnungen konkreter Protestereignisse auf „Welcome to Hell“. Am anderen Ende des Spektrums stand die große, überwiegend friedliche Abschlussdemonstration. Die taz widmete ihr fast zehn Prozent ihrer ereignisbezogenen Protestberichterstattung.
Bild berichtete in der untersuchten Stichprobe überhaupt nicht über diese Demonstration.
Eine weitere vergleichsweise friedliche Veranstaltung, die „Protestwelle“, tauchte in 14 Artikeln der taz auf. Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass gewaltsame Ereignisse in mehreren konservativen Publikationen deutlich überrepräsentiert waren, während andere Medien ein breiteres Spektrum des Protestgeschehens abbildeten.
Sogar die Personen, die das Ereignis erklären durften, unterschieden sich. In der detaillierten Stichprobe stammten 35,3 Prozent der von Bild zitierten Sprecher aus Polizei oder Sicherheitsbehörden, während nur 5,9 Prozent aus dem Protestumfeld kamen. Bei der taz war das Verhältnis beinahe umgekehrt: 11,8 Prozent Polizei gegenüber 32,4 Prozent Protestakteuren.
Für diese Art der Verzerrung braucht niemand Photoshop. Wenn eine Zeitung ihren Lesern den Aufruhr zeigt, den friedlichen Demonstrationszug aber kaum, wird der Aufruhr allmählich selbst zum Synonym für „den Protest“.
Die Realität zuzuschneiden ist ebenfalls Bearbeitung
Wir sind längst tief im digitalen Zeitalter angekommen, und Schneiden, Posten und Atmen gehen mittlerweile fast nahtlos ineinander über. Was gilt heute überhaupt als berichtenswertes Video? Idealerweise eines, das während des tatsächlichen Ereignisses aufgenommen wurde, richtig? Also Handyvideo, zugeschnittenes Video, bearbeitetes Video – etwa mit Untertiteln, die in Clideo hinzugefügt wurden – alles legitim, solange das Material nicht tatsächlich erfunden wurde.
Profis müssen wir dafür längst nicht mehr sein. Ein browserbasierter Video-Editor wie das erwähnte Clideo – oder jeder andere – reicht vollkommen aus. Innerhalb weniger Minuten lässt sich eine Aufnahme kürzen, für TikTok oder Instagram ins Hochformat schneiden, die Reihenfolge der Clips ändern, Untertitel hinzufügen und ein Vorschaubild auswählen.
Aber erschießt nicht den Boten. Dass Videobearbeitung einfacher geworden ist, ist noch keine Katastrophe. Viel aussagekräftiger ist der Gedanke HINTER der Bearbeitung.

Selektive Darstellung vs. offene Manipulation
Fox News überschritt diese Grenze zwischen Framing und gezielter, agenda-getriebener Manipulation bei der Berichterstattung über die Protestzone Capitol Hill in Seattle im Jahr 2020.
Der Sender veröffentlichte zusammengesetzte Bilder, in die das Foto eines bewaffneten Mannes digital in andere Protestszenen eingefügt worden war. Eine Montage kombinierte ihn mit beschädigten Geschäften, die zu einem anderen Zeitpunkt und an einem anderen Ort fotografiert worden waren. Eine Bildergalerie über Seattle enthielt außerdem ein Foto brennender Fahrzeuge und eines Gebäudes, das tatsächlich in St. Paul, Minnesota, aufgenommen worden war. Nachdem die Seattle Times Fragen dazu stellte, entfernte Fox das Material und ergänzte redaktionelle Hinweise.
Hm. Was bleibt da für ein Nachgeschmack?
Ach ja. Manipulation.
Ein solcher Fall kann deutlich mehr „Schaden“ anrichten – oder Überzeugungsarbeit leisten, je nachdem, wie man es nen
nen möchte – als lediglich absichtlich das dramatischste Foto auszuwählen. Bei Letzterem wird eine reale Szene wegen ihrer größtmöglichen Wirkung ausgewählt. Beim anderen wird eine visuelle Szene erschaffen, die in dieser Form überhaupt nicht existiert hat.
Allerdings sollte ebenfalls unterstrichen werden, dass der Großteil irreführender Protestaufnahmen trotzdem zur ersten Kategorie gehört.